Montag, 20. Oktober 2014
Zuletzt online
Sie saß an ihrem Schreibtisch. Ihren Kopf hatte sie auf ihre zu Fäusten geballten Hände gestützt. Vor ihr und damit in ihrem direkten Blickfeld lag ihr Smartphone auf dessen Display das Nachrichtenprogramm aufleuchtete. Ihre letzte Nachricht hatte sie um 19:17 Uhr versendet, gesehen wurde sie zwei Minuten später und kurz darauf sprang die Anzeige unter seinem Namen am oberen Displayrand auf "zuletzt online gerade eben" um. Sie blickte auf ihre letzte Nachricht und las, was sie geschrieben hatte, dann huschte der Blick etwas höher, "zuletzt online vor 2 Minuten", und wieder zurück auf ihre Nachricht, die sie erneut las. Dieses Mal jeden Satz doppelt. Vielleicht hätte sie hier ein anderes Wort nehmen sollen. Nächster Satz. Hatte ihn diese Formulierung vielleicht abgeschreckt? Also las sie ihn ein drittes Mal und kam zum Schluss: Nein, konnte nicht sein. Sie merkte, dass ihr rechter Ellbogen begann zu schmerzen. Um den direkten Blick auf das Nachrichtenfenster nicht zu verlieren, veränderte sie ihre Position nicht, sondern verlagerte lediglich das Gewicht auf den linken aufgestellten Arm. Es kam ihr vor, als wäre eine Ewigkeit vergangen, mit Sicherheit mindestens 15 Minuten! "Zuletzt online vor 4 Minuten". Oh. Doch nur 2 Minuten. Er antwortete doch sonst immer direkt nach dem Lesen. Was für ein Grund konnte ihn wohl vom Schreiben abhalten? Für sie war es doch auch kein Problem sofort zu antworten, das war ja auch nicht zu viel verlangt. Wieder las sie ihre Nachricht, dann seine letzte. Hätte sie anders reagieren sollen? Also las sie noch einmal ihre Nachricht und kam zu dem Schluss: nein, hätte sie nicht. "Zuletzt online vor 7 Minuten", noch immer keine Antwort. Sie schloss die Augen und versuchte auf andere Gedanken zu kommen, während sich ihr rechtes Auge zu einem kleinen Schlitz öffnete und sah: "zuletzt online vor 7 Minuten". Immer noch. Konnte gar nicht sein, die Zeitangabe war bestimmt kaputt. Mittlerweile schmerzte auch ihr linker Ellbogen. Sie hob den Kopf, richtete langsam ihren Rücken auf und verschob ihr Handy so, dass sie es in dieser Haltung auch weiterhin genau im Blick hatte. Langsam wurde sie immer ungeduldiger, also stand sie auf und ging an die Küchenzeile, um sich einen Tee zu machen. Wenn er etwas besseres zu tun hatte, als ihr zu antworten, dann hatte sie etwas besseres zu tun, als seine Antwort zu lesen! Kurz bevor sie sich der Küchenzeile zuwandte, schaute sie noch einmal über das Display: "Zuletzt online vor 9 Minuten". Sie öffnete den Schrank und entnahm diesem eine Tasse, die sie vor sich abstellte. Dann ging sie zurück zu ihrem Handy – es könnte ja sein, dass er genau dann geschrieben hatte, als sie es nicht sehen konnte. Nichts. Also zurück zur Küche. Dort stellte sie den Wasserkocher an und bereitete einen Teebeutel in der leeren Tasse vor. Bis das Wasser gekocht war, dauerte es noch, diese Zeit sollte sie nutzen: Sie ging an ihren Schreibtisch. "Online" stand nun unter seinem Namen, aber eine Antwort war immer noch nicht gekommen, also setzte sie sich und starrte das Display an. Jetzt tippte er. Und hielt inne. Die Anzeige wechselte unregelmäßig zwischen "...tippt" und "Online". Ich starrte weiter. Die Anzeige verweilte schließlich etwas länger bei "Online", bevor endlich um 19:31 Uhr die lang ersehnte Antwort erschien: "Ok, passt. Wir sehn uns!"
Lächelnd legte sie ihr Handy weg und goss zufrieden das heiße Wasser in ihre Tasse.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Gewöhnliches ganz ungewöhnlich
Hoch erstreckte sich das Haus nach oben ins Nichts, wurde in der Höhe immer schmaler und schien mit dem Dach den Himmel zu berühren. Die unzähligen Balkone waren an vielen Stellen mit Blumen bepflanzt und verziert, andere blieben kahl. Auf manchen standen Wäscheständer mit frisch gewaschener nasser Wäsche – Der sonnige Tag ließ es zu das Draußen zum Trockenraum werden zu lassen. Die raschelnden Bäume, die durch den Frühling wieder etwas voller in ihrer Krone geworden waren, und in denen sich die Vögel ähnlich wie die Menschen im Hochhaus eingenistet hatten, reichten kaum bis zur Hälfte des Gebäudes. Abgesehen vom rascheln der Bäume durch den leichten Wind und dem Zwitschern der Vögel blieb es still. Eine friedliche Ruhe machte sich im Gebäude breit und erstreckte sich über das gesamte Umfeld, das neben diesem hohen Turm winzig blieb. Vereinzelt bewegte sich hinter den Fenstern eine Gardine und ließ vermuten, dass sich ein Bewohner dahinter versteckte. Der Spielplatz vor dem Haus, der an Nachmittagen von lachenden, laufenden, spielenden Kindern belebt wurde, blieb leer und wirkte ohne seine Eroberer fehlplatziert.
Würde der Wind die Bäume nicht langsam tanzen lassen, so käme es einem vor, als wäre die Zeit stehen geblieben. Nichts schien sich schneller als in Zeitlupe zu bewegen und das hohe Gebäude hatte alles Leben hinter seinen geheimnisvollen Wänden in den verwinkelten Räumen verschluckt.

Für das kleine Mädchen in Stockwerk vier war die Zeit jedoch alles andere als stehen geblieben. Viel mehr noch empfand sie diesen hohen Turm als ein tickendes und kompliziertes Uhrwerk und sich selber als ein winziges Rädchen in ihm. Aber wie sahen die anderen Räder, Schrauben und Teile dieses Uhrwerks aus? Wie groß waren sie, welche Farben hatten sie? Die Neugierde, die sich in ihr wie ein tobender Lärm ausstreckte ließ sie die Stille und friedliche Ruhe außerhalb des Gebäudes gar nicht erst wahrnehmen. Da waren so viele Stockwerke: so viele Flure, die sie noch nicht betreten hatte. So viele fremde Gesichter, die ihr noch nie begegnet waren, geheimnisvolle Geräusche, neue Gerüche. Und das Mädchen wollte all dem auf den Grund gehen. Doch wie sollte sie den wachsamen Augen ihrer Mutter entkommen, um sich auf den Weg zu machen und die Abenteuer zu erleben, die in den höheren Stockwerken auf sie warteten?
Einmal hatte die Mutter das kleine Mädchen in das oberste Stockwerk mitgenommen, in dem sich ein Trockenraum befand. Das Stockwerk, das noch eine Etage über den Wohnungen lag und in das der Aufzug nicht mehr reichte, sondern 20 letzte Treppenstufen bestiegen werden mussten. Dieser Raum war ganze acht Etagen von ihrem zu Hause entfernt und als sie in ihm auf den Heizungskörper kletterte, um durch das Fenster im oberen Teil der Wand zu blicken, stellte sie fest, dass sie im Himmel war! Nur noch Flugzeuge konnten so hoch fliegen. Das Mädchen hatte damals ihre Mutter gebeten, nicht den Aufzug zurück nach unten zu nehmen, sondern stattdessen die Treppen hinunterzugehen. So hatte sie die Möglichkeit ab und zu einen Blick durch die Glastür aus dem Treppenhaus in die Flure zu werfen und entdeckt, dass manche Flure in einer ganz anderen Farbe gestrichen waren als der Flur, in dem ihr zu Hause war. Vor manchen Türen lagen ganz lustige Fußmatten und es gab Türen, an denen Kränze aus Blumen hingen. Jede einzelne Etage war dem Mädchen auf dieser Reise mit ihrer Mutter wie eine andere Welt vorgekommen.
Ihre Mutter räumte gerade die leer gegessenen Teller weg und brachte sie zum Spülbecken, während das Mädchen überlegte, die Geheimnisse welchen Flur sie wohl als erstes ergründen wollte. Als die Mutter begann das Geschirr zu spülen und sich umdrehte um das um das Mädchen um Hilfe zu bitten, fand sie den Stuhl, auf dem es noch vor einem Augenblick gesessen hatte, leer. Lächelnd wand sie sich wieder dem Becken zu, wohl wissend auf welcher Expedition sich ihre Tochter befand.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Erkältung
Da war es wieder. Dieses Gefühl in ihrem Kopf… – nein in ihrer Stirn, in der Nase, oder irgendwo dazwischen. Sie war in der Arbeit und als ihr dieses Gefühl bewusst wurde, war ihr im selben Moment klar, dass sich eine Erkältung in ihr breit gemacht hatte. Na toll. So etwas konnte sie jetzt gar nicht gebrauchen, denn das letzte, das sie sich jetzt leisten konnte, waren Fehlzeiten. Schade, dass diese Tatsache ihrem Körper völlig egal zu sein schien. Wann hatte es denn eigentlich angefangen? Hätte sie nicht schon früher irgendetwas dagegen unternehmen können? Ja, sie hatte Schnupfen, aber den hatte sie doch das ganze Jahr über. Ohne es zu bemerken, hat sich die Krankheit in ihrem Kopf eingenistet wie ein kleiner Dämon, der sich sich langsam durch den ganzen Körper schleicht und Glied für Glied unterwirft.
Als sie zu dem Gedanken gelangte, zu der Aussicht, dass auch all ihre Glieder von diesem Dämon befallen werden würden, traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag: Es war schon längst geschehen. Nur ihr Berg an Arbeit – das damit verbundene Adrenalin – hatten sie von der Erkältung abgelenkt. Doch jetzt, da sie den Gedanken Ich bin krank zugelassen hatte, verließ sie mit einem Mal ihre Energie. Ihr Kopf fühlte sich schwer an, als wäre er von einer dicken und dichten Masse ausgefüllt. Durch ihre verstopfte Nase bekam sie kaum Luft, da konnten noch so viele Taschentücher ausgepackt werden. Ihre Wahrnehmung war wie verzerrt: Der Dämon hatte ihr Umfeld in Nebel eingehüllt. Ihre Reaktionen verlangsamten sich. Alles verlangsamte sich und wurde Schwer. Eine schwere Trägheit, die ihre Glieder lähmte.
In der U-Bahn konnte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen. Dachte sie überhaupt noch? Der Nebel schien nicht mehr nur ihr Umfeld zu verschlucken, sondern nahm jetzt auch ihren Geist ein. Wie sie der U-Bahn entstieg, die Station verließ, an der roten Ampel wartete bis sie auf grün umsprang nahm sie längst nicht mehr bewusst wahr, sondern war das Resultat täglicher Routine. Zu Hause schließlich angelangt stand sie wie an einer Klippe vor ihrem Bett. Sie streifte sich noch ihre Schuhe von den Füßen, bevor sie sich den Abhang hinunter stürzte und sich der Schwärze hingab.

... link (0 Kommentare)   ... comment