Montag, 20. Oktober 2014
Gewöhnliches ganz ungewöhnlich
Hoch erstreckte sich das Haus nach oben ins Nichts, wurde in der Höhe immer schmaler und schien mit dem Dach den Himmel zu berühren. Die unzähligen Balkone waren an vielen Stellen mit Blumen bepflanzt und verziert, andere blieben kahl. Auf manchen standen Wäscheständer mit frisch gewaschener nasser Wäsche – Der sonnige Tag ließ es zu das Draußen zum Trockenraum werden zu lassen. Die raschelnden Bäume, die durch den Frühling wieder etwas voller in ihrer Krone geworden waren, und in denen sich die Vögel ähnlich wie die Menschen im Hochhaus eingenistet hatten, reichten kaum bis zur Hälfte des Gebäudes. Abgesehen vom rascheln der Bäume durch den leichten Wind und dem Zwitschern der Vögel blieb es still. Eine friedliche Ruhe machte sich im Gebäude breit und erstreckte sich über das gesamte Umfeld, das neben diesem hohen Turm winzig blieb. Vereinzelt bewegte sich hinter den Fenstern eine Gardine und ließ vermuten, dass sich ein Bewohner dahinter versteckte. Der Spielplatz vor dem Haus, der an Nachmittagen von lachenden, laufenden, spielenden Kindern belebt wurde, blieb leer und wirkte ohne seine Eroberer fehlplatziert.
Würde der Wind die Bäume nicht langsam tanzen lassen, so käme es einem vor, als wäre die Zeit stehen geblieben. Nichts schien sich schneller als in Zeitlupe zu bewegen und das hohe Gebäude hatte alles Leben hinter seinen geheimnisvollen Wänden in den verwinkelten Räumen verschluckt.

Für das kleine Mädchen in Stockwerk vier war die Zeit jedoch alles andere als stehen geblieben. Viel mehr noch empfand sie diesen hohen Turm als ein tickendes und kompliziertes Uhrwerk und sich selber als ein winziges Rädchen in ihm. Aber wie sahen die anderen Räder, Schrauben und Teile dieses Uhrwerks aus? Wie groß waren sie, welche Farben hatten sie? Die Neugierde, die sich in ihr wie ein tobender Lärm ausstreckte ließ sie die Stille und friedliche Ruhe außerhalb des Gebäudes gar nicht erst wahrnehmen. Da waren so viele Stockwerke: so viele Flure, die sie noch nicht betreten hatte. So viele fremde Gesichter, die ihr noch nie begegnet waren, geheimnisvolle Geräusche, neue Gerüche. Und das Mädchen wollte all dem auf den Grund gehen. Doch wie sollte sie den wachsamen Augen ihrer Mutter entkommen, um sich auf den Weg zu machen und die Abenteuer zu erleben, die in den höheren Stockwerken auf sie warteten?
Einmal hatte die Mutter das kleine Mädchen in das oberste Stockwerk mitgenommen, in dem sich ein Trockenraum befand. Das Stockwerk, das noch eine Etage über den Wohnungen lag und in das der Aufzug nicht mehr reichte, sondern 20 letzte Treppenstufen bestiegen werden mussten. Dieser Raum war ganze acht Etagen von ihrem zu Hause entfernt und als sie in ihm auf den Heizungskörper kletterte, um durch das Fenster im oberen Teil der Wand zu blicken, stellte sie fest, dass sie im Himmel war! Nur noch Flugzeuge konnten so hoch fliegen. Das Mädchen hatte damals ihre Mutter gebeten, nicht den Aufzug zurück nach unten zu nehmen, sondern stattdessen die Treppen hinunterzugehen. So hatte sie die Möglichkeit ab und zu einen Blick durch die Glastür aus dem Treppenhaus in die Flure zu werfen und entdeckt, dass manche Flure in einer ganz anderen Farbe gestrichen waren als der Flur, in dem ihr zu Hause war. Vor manchen Türen lagen ganz lustige Fußmatten und es gab Türen, an denen Kränze aus Blumen hingen. Jede einzelne Etage war dem Mädchen auf dieser Reise mit ihrer Mutter wie eine andere Welt vorgekommen.
Ihre Mutter räumte gerade die leer gegessenen Teller weg und brachte sie zum Spülbecken, während das Mädchen überlegte, die Geheimnisse welchen Flur sie wohl als erstes ergründen wollte. Als die Mutter begann das Geschirr zu spülen und sich umdrehte um das um das Mädchen um Hilfe zu bitten, fand sie den Stuhl, auf dem es noch vor einem Augenblick gesessen hatte, leer. Lächelnd wand sie sich wieder dem Becken zu, wohl wissend auf welcher Expedition sich ihre Tochter befand.

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